• Marcel Rohner

Wo Fremde zu Freunden werden

Aktualisiert: Juli 7

Zu Besuch bei Sport ohne Grenzen



Es regnete stärker und stärker und keinen kümmerte es. Am vergangenen Sonntag kamen wir wieder zusammen, zum etwa 60. Mal, und spielten Fussball, wie so oft. Ein intensives Spiel, 7:7 stand es am Ende, vielleicht auch 8:7, wer weiss das schon genau. Am Ende dauerte es zwei Stunden, durchnässt und ausgelaugt sassen wir am Brunnen, lachten über vergebene Chancen, und darüber, wie der Kollege einen alleine vor dem gegnerischen Tor immer wieder übersah.


Es sind Momente wie diese, die für mich Sport ohne Grenzen ausmachen. Die Pandemie hat jeden in diesem Land getroffen und überrollt und noch immer ist sie nicht überstanden. Genau hier ermöglicht die Sport ohne Grenzen-Crew mit seinem Sportangebot vielen Menschen in Rüti einen ersten, vielleicht auch nur kleinen, Schritt zurück in die Normalität. Da stört es auch nicht, dass sich der Sommer diese Bezeichnung noch gar nicht richtig verdient hat.


Was als Integrationsprojekt im September 2016 zwischen Asylsuchenden und Einheimischen gestartet ist, ist heute weit mehr. Entstanden ist ein unverbindlicher Treffpunkt zum gemeinsamen Sport, im Sommer draussen, im Winter in der Rekrutierungshalle. Seit Januar 2018 sind wir ein eingetragener Verein, die Angebotspalette ist gewachsen, Räumlichkeiten wurden gefunden, sodass zusätzlich Nachhilfe angeboten werden kann. Das alles kam während Corona zu kurz und so ist die Freude heute umso grösser.


Über 60 Teamfotos sind bereits über all die Veranstaltungen entstanden.

Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal bei Sport ohne Grenzen dabei war. Man war sich noch fremd, die Sprache war manchmal eine Hürde - die aber schnell fiel. Junge Menschen auf der ganzen Welt eint eines: der Sport, oft Fussball. Das wussten wir auszunutzen, in Spitzenzeiten kamen bis zu 80 Personen, sie reisten sogar aus anderen Kantonen an, in umliegenden Gemeinden entstanden ähnliche integrative Projekte.


Heute sind wir uns nicht mehr fremd. Im Laufe der Jahre hat sich ein steter Kern gebildet, einige sind von Teilnehmern zu Mitorganisatoren geworden. Viele sind Freunde, mal lädt man sich zum Abendessen ein, mal geht es auf eine kleine Velotour, die Herkunft spielt dabei keine Rolle, genauso wenig wie die Religion. All das haben Rafi Strupler und Alexander Denzler als Initiatoren dieses Projekts ermöglicht.


In den vergangenen fünf Jahren durften wir selbst auch beobachten, dass die Integration funktioniert - wenn beide Seiten mithelfen.

Wir lernen viel voneinander, wir Schweizer, was Gastfreundschaft bedeutet, Herzlichkeit und Dankbarkeit. Plötzlich erscheinen unsere eigenen Probleme winzig klein, wenn uns unsere neuen Freunde, längst keine Fremde mehr, ihre Geschichten erzählen. Sie bleiben haften, weil wir das, was sie erlebten, was sie überhaupt erst hierher brachte, höchstens aus den Nachrichten kannten. Sie helfen uns bei unserem Blick auf die Welt.


In den vergangenen fünf Jahren durften wir selbst auch beobachten, dass die Integration funktioniert - wenn beide Seiten mithelfen. Viele der Menschen, die wir kennengelernt haben, bringen eine intrinsische Motivation mit, in ihrer neuen Heimat etwas zu schaffen. Sie sind auch in anderen Vereinen aktiv, nehmen am Leben in der Schweiz teil und versuchen, sich einzubringen.


Vor bald fünf Jahren starteten wir mit der ersten Sportveranstaltung, seither bekommen wir mit, wie sich das Leben unserer Teilnehmer stetig verändert. Es freut uns, wenn sie von ihren Lehrstellen erzählen, wie sie es zum Sanitär, Hauswart, Klassenassistent, Pfleger, Gärtner, Velomechaniker oder Elektromonteur bringen. Und wenn sie ihrem Traum, einen B-Ausweis zu erhalten und ihre Familie nach bis zu sieben Jahren bald wieder sehen zu dürfen, Schritt für Schritt näher kommen.