• Marcel Rohner

Warum machen wir es nicht immer so?

Gedanken zur neuen Schweizer Willkommenskultur.

Bild: Keystone

Dieser Text ist kein politisches Statement. Es sind Gedanken, verfasst im Namen eines Vereins, dessen Mitglieder:innen sich ehrenamtlich und mit viel Leidenschaft für die Integration von geflüchteten Menschen in ihrer Gemeinde einsetzen.


Wir vom Verein ohne Grenzen haben vor bald sechs Jahren mit dem Angebot «Sport ohne Grenzen» angefangen. Das Ziel war, dass sich mittels Sport zwei verschiedene Kulturen annähern können. Wir können heute sagen, dass wir dieses Ziel erreicht haben, in den letzten Jahren sind wunderbare Freundschaften entstanden, die unser aller Leben in irgendeiner Form bereichern.




Nun, im Jahr 2022, befindet sich die Welt, oder zumindest Europa, in einem Ausnahmezustand, wie ihn der Kontinent seit den Jugoslawienkriegen in den Neunzigern nicht mehr erlebt hat. Russland hat die Ukraine angegriffen, und wir können dabei nur fassungslos zuschauen. Millionen von Menschen sind auf der Flucht, sie kommen auch in die Schweiz.


Ich denke in diesen Tagen oft an das Jahr 2015 zurück, auch dort war das Unheil gross, aber es war weiter weg. Auf höchst beschwerlichen Wegen fanden vor allem junge Männer aus Afghanistan, Syrien, dem Irak oder auch aus Afrika in die Schweiz. Sie setzten sich in Boote, obwohl sie nicht schwimmen konnten, sie harrten tage-, wochen- oder monatelang unter unmenschlichen Bedingungen in Camps aus.


Die Medien schrieben von «Flüchtlingswellen». Oder «Flüchtlingskrisen». Negativ konnotierte Begriffe, denn wer wird schon gerne von einer Welle überrollt.


Damals wartete keiner am Hauptbahnhof


Und heute? Heute erleben wir in Europa eine nie dagewesene Solidarität, auch dank Social Media. Menschen stellen ihre Gästebetten, Büros oder gar ihre Wohnungen zur Verfügung für die vom Krieg Vertriebenen. Am Zürcher Hauptbahnhof werden Ukrainer:innen, es sind vor allem Frauen und Kinder, empfangen und willkommen geheissen. Das ist die Stärke eines Landes wie der Schweiz, das ist gerade in diesen Zeiten wunderbar mit anzusehen. Es zeigt, dass wir diesen Krieg nicht einfach so hinnehmen.


Und doch stellt sich eine Frage: Warum erst jetzt?


Afghan:innen, Syrer:innen oder auch Eritreer:innen und Somalier:innen erfuhren diese Nächstenliebe nie, und wenn, dann nur in kleinem Rahmen. Wenn sie sich zum Beispiel in München in den Zug setzten, um die letzten Kilometer in die Schweiz hinter sich zu bringen, wartete niemand auf dem Perron, um sie abzuholen. Für sie wurden die Regeln nicht ausser Kraft gesetzt, einen S-Ausweis gab es nicht, sie warteten entsprechend lange, bis sie hier überhaupt einmal einer Arbeit nachgehen konnten. Bekannte, die es in andere Länder geschafft hatten, durften sie nicht besuchen.

Wir spüren, wie sie irritiert sind. Sich fragen, warum sie nicht so herzlich empfangen wurden. Was haben sie denn falsch gemacht?

Wir vom Verein ohne Grenzen haben in den letzten Jahren Menschen kennen gelernt, die für uns unvorstellbares Leid erlebt haben. Nun spüren wir, wie sie irritiert sind. Sich fragen, warum sie nicht so herzlich empfangen wurden. Was haben sie denn falsch gemacht? Auch sie sind vor Not und Elend geflüchtet. Auch sie wissen, wie es ist, wenn ihre Städte zerstört werden. Auch sie sind ganz alleine gekommen. Auch sie haben ihre Liebsten zurücklassen müssen.


Eine Erklärung für die plötzliche Solidarität liegt – neben der Brutalität, mit der Wladimir Putin vorgeht – in der Distanz. Der Krieg findet auf unserem Kontinent statt. Bis zur ukrainisch-polnischen Grenze sind es mit dem Auto von Zürich 15 Stunden. Das war nicht anders, als 2015 Terroristen in Paris wüteten. Oder nur schon, als in der gleichen Stadt 2019 das Dach der Notre Dame brannte. Wäre solches in Ländern passiert, die uns ferner lägen, wäre die Anteilnahme kleiner gewesen.


«Machen wir es in Zukunft besser»


Wie eingangs erwähnt, geht es hier nicht um politische Positionen. Es geht auch nicht darum, mit den Fingern auf andere zu zeigen. Denn so etwas wie «gute oder schlechte Flüchtlinge» gibt es nicht, es gibt einfach viele Leute, die auf unsere Hilfe angewiesen sind. Das dürfen wir nicht vergessen. Wie ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung auf den Krieg in der Ukraine reagiert, sollte uns als Beispiel dienen für künftige Konflikte.


Ein Mitglied unseres Vereins hat Wurzeln in Albanien, die Eltern flüchteten in den Neunzigern in die Schweiz und haben hier eine neue Heimat gefunden. Auch sie waren überrascht ob der Solidarität den Ukrainer:innen gegenüber. Aber sie fanden: «Lernen wir daraus und machen es auch in Zukunft so.» Das ist doch ein schöner Gedanke, den wir in Zukunft leben sollten, egal, woher hilfsbedürftige Menschen kommen.


Wir vom Verein ohne Grenzen sind in diesen Tagen und Wochen daran, neben «Sport ohne Grenzen» und unserem Lernatelier ein drittes Angebot auf die Beine zu stellen, das sich an ukrainische Menschen richtet. Willst du helfen? Hast du Ideen? Dann melde dich bei uns: info@vereinohnegrenzen.ch. Willst du uns finanziell unterstützen? Das kannst du auf unserer Website bequem über Twint machen.